Hier gleich, mit einem schönen Bild der Eingangstür garniert, die Geschichte-wie-wir-zu-unserer-Wohnung-kamen (und wie sie ist).
So waren wir also etwas aufgerieben, als wir uns am nächsten Morgen auf den Weg zu unserer einzig verbliebenen Chance auf besseres Wohnen machten, wobei „besser“ für Nicole (und damit irgendwie auch für mich) aus der derzeitigen Situation mit „einzig“ gleichzusetzen war …
Es ist ein etwas eigenartiges Gefühl, durch ein hohes, massives Eisentor, mit Blechen beschlagen, in einen etwas verwilderten, menschenleeren Garten-Park einzudringen und laut knirschend eine kiesbestreute kleine Allee entlang zu laufen, wenn man eigentlich nach einer günstigen Bleibe für Studenten sucht. Wobei es einem natürlich auch gefallen kann. Jedenfalls war der Park ein scharfer Kontrast zur befahrenen Straße vor dem Tor, und wir schätzten es durchaus, als sich uns mit dem Haus-Wachhund ein lebendiges Wesen näherte, etwas misstrauisch zwar, aber durchaus freundlich. Gleich darauf hatten wir unseren ersten Kontakt mit Camilla, der Tochter des Hauses, deren nur wenig zurückliegende, anscheinend wahnsinnig bereichernde ERASMUS-Erfahrung in Spanien die Eltern dazu veranlasst hat, auch mal etwas für die Völkerverständigung zu tun. Wobei sie selbst (aus heutiger Sicht) damit sooo viel dann doch nicht zu tun haben wollen. Jedenfalls war es auch Camilla, die uns die Wohnung zeigte, alles erklärte was sie konnte, und dann auch eigenständig das weitere Vorgehen mit uns abmachte. Unserer Frage, ob denn der Preis nicht noch etwas zu reduzieren wäre, entzog sie sich geschickt mit Verweis auf die Autorität der Eltern.
Aber auch so: Die Wohnung gefiel (und gefällt) uns. Ein Flur mit großem Schrank, wie wir es von zu Hause gewöhnt sind, aber als für uns ungewohnter Komfort zwei Wohnräume, ein Wohn-Ess-Zimmer und ein Schlaf-Arbeits-Zimmer, dazu eine ganz geräumige Küche und ein schönes Bad. Das alles mit merkwürdigem Schmuck garniert, etwa hässliche Aschenbecher, den wir inzwischen in einer großen Schublade versenkt haben. Auch sonst schwankt die Einrichtung etwas zwischen schön und alt, altem Krempel und Ikea, was ihr dann doch wieder eine studentischere Aura gibt. Mir haben es auch sehr die hohen Decken angetan, die ich schon am Uni-Hauptgebäude in München so geliebt habe, mit ihrer Ausstrahlung von Gedankenfreiheit.
Bevor wir aber soweit kamen, mussten wir natürlich nochmal zum ESU-Büro, um dort den Wechsel endgültig bekannt zu geben. Dann den Nachmittag mit irgendetwas verbringen (ich weiß nicht mehr was), rechtzeitig ins Wohnheim um die Sachen zu packen und dann in eines der größten Abenteuer im Zusammenhang mit dem öffentlichen Nahverkehr starten. Irgendwie hatten wir mit unseren jeweils zwei großen Taschen pro Nase die Hauptverkehrszeit der Pendler erwischt. Wäre nicht durch (mal wieder) ewiges Warten auf den Bus unsere Entschlossenheit zum Äußersten gesteigert gewesen, hätten wir uns wohl nicht mehr hineingezwängt. Im Rückblick ist es erstaunlich, dass uns die Mitfahrenden für das nötige Quetschen und Klettern beim Ein- und Aussteigen nicht mehr gehasst haben.
Wir selbst verfluchten ein wenig unsere Schwäbischkeit, die uns noch nahe am Wohnheim an einem sich uns anbietenden Taxifahrer mutig vorbeistapfen ließ.
Aber da sind wir nun, haben uns in dem bequemen Bett gut eingelegen, hatten schon Gelegenheit, das vorhandene Schlafsofa zu testen (und seine heikle Mechanik ein wenig zu verbiegen), und haben auch alltägliche Handlungen wie die Müllentsorgung (in Italien große Tonnen in den Straßen, wohin man selbst bringen muss, dafür aber keine Müllgebühr!), Wäsche trocknen (wenige Leinen im Keller, die wir mit der „Donna“ teilen und auf denen die Sachen wegen Kälte eine gute Woche hängen müssen) oder eben das Internet im Griff. Dazu übrigens der neueste Stand: Das Netzt der Vermieter, dass nur sporadisch eingeschaltet wird, wird wohl nicht von Hand ausgeschaltet, sondern deaktiviert sich selbst, wenn es nicht benutzt wird. Diesem Umstand ist es zu danken, dass unser Computer jetzt über Nacht an bleibt und wir dann immer genügend Filme zum anschauen haben …
Zusammen mit unserer Lieblingsbäckerei, ein Ort, an dem Italien noch so ist, wie es sein sollte, lässt es sich hier also durchaus gemütlich Leben.
Ein klein wenig getrübt wird unsere Freude nur durch die Vermieter selbst. Camilla (übrigens auch ihr älterer Bruder, der seit einiger Zeit wieder hier ist - wir wissen nicht so recht, was er tut, aber anscheinend dürfen sich männliche Italiener unter 35 Jahren wirklich nicht dauerhaft von ihrer Mutter entfernen) ist ein sehr verwöhnter und lebensferner junger Mensch, der bisher von allen Notwendigkeiten des Alltags verschont geblieben ist. Zum Ausgleich für ihre Bravheit muss sie dann mit den ERASMUS-Studenten so richtig auf den Putz hauen und feste trinken, weswegen sie uns vielleicht auch langweiliger findet, als sie gehofft hat. Von den Eltern weiß man nichts, außer dass sie uns praktisch ignorieren, nett grüßen wenn sie uns sehen, aber doch fuchsig werden, wenn man ein Auto ein paar Tage im geräumigen Garten abstellen möchte, der arme Vater immer von den Kindern mit dem Auto geholt werden muss und dann zum Herzerweichen die paar wenigen Stufen hinaufhumpelt, die Mutter mit einem dutzend fremder, älterer Leute und einem athletischen, braungebrannten Sportlehrer im eigenen Garten lustige Fitnesstreffs veranstaltet (zu denen wir leider nicht eingeladen wurden) und das Haus sonst von der „Donna“, dem Hausmädchen, geschmissen wird. Diese ist übrigens sehr nett, und weil den Tag über nur sie da ist, ist es eigentlich doch ein sehr freundliches, offenes Haus :-)