Zweite Hälfte des Semesters?
 
Wenige Tage vor Ostern bringt das italienische Unisystem mir eine abrupte Überraschung: Die erste Hälfte des Semesters ist schon vorbei, die alten Vorlesungen zu Ende. Ich wundere mich, warum von diesem mehr oder weniger „endgültigen“ Abschied die Professoren nichts merken ließen. Nun musste ich mich also in großer Hektik auf die Suche nach neuen Veranstaltungen machen. Ich rechne verzweifelt, aber es hilft nichts: Mir scheint, ich bin erste vier Wochen hier?! Es ist ja auch ein Höhepunkt der Idiotie, die zweite Periode mit einer halben Woche vor den Osterferien beginnen zu lassen. Naja.
Erfreulicher zu berichten ist, dass wir die Gelegenheit von Annas Besuche genutzt haben, um nach Venedig zu fahren, für mich ja trotz der Nähe das erste Mal (Bild oben). Natürlich ist die Stadt erwartungsgemäß eindrucksvoll. Dem Meer abgetrotzt, ein Zeugnis menschlichen Könnens und menschlicher Macht, irgendwie auch Anmaßung. Sehr erfreulich finde ich dabei, auch einmal kulturelle Errungenschaften und schöne Gebäude sehen zu können, die nicht kirchlichen Ursprungs sind. Auf Dauer nerven die ganzen Kathedralen doch irgendwie.
Trotz der Zwischenjahreszeit war Venedig voller Touristen, aber auch hier sollte man sich zweimal überlegen, ob man jammern möchte, wir waren ja dabei… Wir konnten dann der Versuchung nicht widerstehen, lieber durch kleinere, abgelegenere Gässchen zu stromern. Es war erstaunlich, wie man dabei immer wieder im Kreis laufen kann, wie vielen fluchenden Touristen man begegnet, die ihre Karten wild herumdrehen und sich gegenseitig beschimpfen.
Für die echten kulturellen „Highlights“ waren wir dann zu müde, wir waren in keinem Gebäude, das wir nicht zum Essen aufgesucht haben. Aber wir kommen wieder, und vielleicht sind nach den Osterferien die Schlangen nicht mehr so lange.
 
Weil es so schwer fällt, etwas über Venedig zu sagen, was nicht sehr abgedroschen klingt, hier lieber noch ein bisschen aus der persönlichen Geschichte: Die erste, letzte und damit zum Glück einzige nacht in der „Residenza“ (!) Carli…
Aus irgendeinem Grund brach, kurz nachdem wir uns im Zimmer eingeschlossen hatten, auf dem Flur ein großes Geschrei aus, mit Beschimpfungen und Flüchen, an denen sich auch irgendwann der Pförtner/Aufpasser zu beteiligen schien. Uns brachte das in einen Zustand doch beachtlicher Unruhe und Sorge, nachdem uns im Laufe des Tages immer wieder versichert worden war, wunder wie illegal und schrecklich es sei, in diesem Zimmer zu zweit zu bleiben. Irgendwann verzog sich der Rummel aber, und als ich mich dann hinauswagte, um die Lage zu erkunden und nach der Funktion des Zimmertelefons zu fragen (dies übrigens erfolglos) war nichts mehr zu sehen. Die Flure lagen in ihrer schmuddeligen Unschuld wie eh und je.
So sanken wir also bald in einen unruhigen Schlaf, nachdem wir mit großer Mühe vermieden hatten, unsere Schlafanzüge mit irgend etwas Ekligem (und es gab viel davon) in Berührung kommen zu lassen und uns mit der Kuhle in der Matratze arrangiert hatten. Wir waren froh, als bei einem der vielen Male, die wir erwachten, die Dämmerung uns anzeigte, dass dieser Abschnitt unseres Aufenthalts vorüber war.
Secondo Periodo
Mittwoch, 12. April 2006