Neue Horizonte
 
Eine weitere Verzögerung im Schreiben ist eingetreten, sehr abrupt und ein wenig brutal: Anfang der Woche ist der Laptop bei einem unserer Internet-Raubzüge (im doppelten Sinn - mit fremdem Internet fremde Downloads …) von seinem Platz auf der Leiter gefallen, zwar nicht ganz runter, aber es hat gereicht um sein offenes Display halb abzubrechen. Immerhin haben wir jetzt gute Erfahrungen mit dem weltweiten (naja, fast) Netz Apple-zertifizierter Werkstätten, das Teil war vorrätig und die Reparatur schnell und gut - und teuer, was uns aber dank Versicherung nicht bekümmern braucht. Ach, das Leben kann so schön sein!
Auch sonst haben wir eine erfreuliche Woche hinter uns. Den Anfang machte der Ausklang der letzten Woche, der uns ein lang erwartetes Ereignis brachte: Eine „Civitas“ genannte Messe ehrenamtlich arbeitender Organisationen, auf der wir nach Betätigungsfeldern und Kontakten suchen wollten. Die Atmosphäre dort war sehr schön, bunt und weltoffen. Es waren natürlich die bekannten Großen vertreten, vom Roten Kreuz bis Unicef, daneben national Italienische Riesen, zu erkennen an weitläufigem Raum der Ausstellung und professionellen Plakaten.
Interessanter waren natürlich die kleineren Initiativen, wobei auch die noch abgestuft waren, von den noch recht großen lokalen Umweltschützern „Legambiente“ bis hin zu kleinen Entwicklungshilfeprojekten. Nachdem die vergangenen Wochen eine gewisse Durststrecke dargestellt hatten, sprachen wir so reichlich Italienisch und hatten schon auf der Messe selbst interessante Begegnungen. Und wir brachten tatsächlich eine Sammlung von zehn Organisationsinfos mit nach Hause, mit denen wir uns nach und nach in Verbindung setzen wollen. Daneben war eine angenehme Verpflegung organisiert, wir hätten beinahe ein Fahrrad aus recyceltem Aluminium gewonnen, und besonders gelegen kam mir die große Auswahl an fairen Textilien, ist doch mein altes Sortiment an T-Shirts schon etwas vom Zahn der Zeit angenagt. Leider sind die fairen Shirts in Deutschland weder sehr schick noch günstig,
was hier ganz anders ist! Und wer mag schon Kinder dafür geschunden wissen, seine eigene Haut unter den Pestiziden eines billigen, konventionellen T-Shirts jucken zu spüren?
Die zweite Hälfte des Semesters entwickelt sich auch von Uni-Seite her immer besser, ich kann schon recht gut mit Kommilitonen und Professoren diskutieren, und der Stoff bietet auch Anlass dazu. Als ein Zwischenfazit in diesem Bereich kann ich jedenfalls sagen, dass ich fachlich und intellektuell viel mehr vom Erasmus-Semester profitiere, als ich zu hoffen gewagt hatte.
Gleichzeitig bleibt für mich die Oberflächlichkeit des Zwischenmenschlichen hier (womit weniger der Ort Italien als die Seinsform „Auslandsstudent“ gemeint ist) ein Problem. Dazu werde ich demnächst ein „Spotlight“ schreiben. Aber vielleicht stellt sich ja im Zuge unserer Messe-Erkenntnisse hier eine Verbesserung ein.
Meine sprachlichen Möglichkeiten dazu sehe ich jedenfalls mittlerweile als gegeben an. Eine sehr wohltuende Demonstration dafür war meine erste Prüfung hier, in einem spannenden Fach, bei einem spannenden Professor. In der Prüfung, die sich als angenehmes Gespräch gestaltete, hatte ich selten das Gefühl, mich nicht ausdrücken zu können, auch wenn ich immer noch nach Wörtern suchen und manchmal auch scheiternd einen Satzanfang nochmal umschmeißen und eine Umschreibung wählen muss.
Ansonsten hat mich eine gewisse Denkfreude gepackt, ich lese, arbeite und schreibe mit Vergnügen an meinem Projekt „Neuer Plan“. Mir dafür Zeit zu nehmen, überhaupt den Zeitverlauf des Tages wie der Woche bewusst wahrzunehmen und zu gestalten ist eine der Fähigkeiten, die ich hier gerade dabei bin zu entwickeln.
Volontario
Samstag, 13. Mai 2006