Im Palast der Vernunft
 
Nach einer ohnehin aufregenden Woche brachte der Freitag Abend für einen begeisterten Hobby-Physiker wie mich noch einen unglaublichen Höhepunkt: Ich konnte einen Vortrag von Stephen Hawking über den Beginn des Universums mitverfolgen, und im Anschluss einen Blick aus nächster Entfernung auf eines der meistgefeierten lebenden Genies werfen.
    Als wäre das noch nicht genug, fand der Vortrag auch noch im prunkvollen Saal (siehe Bild) des „Palazzo della Ragione“ statt, das große Gebäude zwischen zwei wichtigen Plätzen in Padova. Auf der einen Seite, auf der „Piazza delle Erbe“ kaufen wir regelmäßig Gemüse ein, und schon immer fasziniert mich der große, schlanke Bau mit den bemalten Arkaden, der den Platz überragt. Hawking war übrigens eine gute Woche in Padova und ist jetzt Ehrenbürger, was vor dem Vortrag am Freitag durch einige lächerliche bis peinliche Zeremoniebestandteile und das Überreichen des Schlüssels der Stadt besiegelt wurde.
    Genau 300 Jahre nach Galileo Galilei geboren und ein großer Bewunderer des selbigen, konnte sich Hawking anlässlich Galileis schwierigem Ende einen satten Seitenhieb auf den Papst, Katholizismus und religiöse Weltsicht im allgemeinen nicht verkneifen. Aber was muss auch der gute alte Johannes Paul II. noch vor seinem Ableben auf einer wichtigen Konferenz verkünden, dass die Physiker zwar herzlich eingeladen seien, das Funktionieren der Welt zu erforschen, von deren Anfang aber doch bitte die Finger lassen sollen - wo dummerweise Hawking auf der selben Konferenz neue Thesen zu eben diesem Anfang vorgestellt hat …
    Der Vortrag selbst war nicht ganz einfach zu verfolgen, war doch die ohnehin gewöhnungsbedürftige Stimme des Sprachcomputers (übrigens englisch) durch den Hall der Halle kaum zu verstehen. Aber zu meiner Freude half mir die italienische Übersetzung ziemlich gut!
    Insgesamt bestand der Gewinn aus dem Vortrag für mich weniger in neuen physikalischen Einsichten, die ich ohnehin in der Zeitung mitverfolge, als eher zum einen in einer Demonstration, dass Hawking auch als Didakt und Lehrer große Fähigkeiten besitzt. Der Vortrag war rund und schön, vieles erstaunlich klar auf den Punkt gebracht. Und, noch interessanter, immer wieder schien Hawkings Weltbild, sein Antrieb zu Forschen und seine Erwartungen für die weitere Entwicklung durch. Es scheint so, als wäre die Frage nach dem Wesen der Zeit für die nahe Zukunft die größte Herausforderung, und genau hier konnte ich den Erläuterungen nicht ganz folgen. Es mag ein schönes Bild sein, dass die Zeit wie eine Kugel gekrümmt ist, und es keinen Sinn macht nach einem Punkt südlich des Südpols zu fragen - es bleibt die phänomenologische Vorwärtsgerichtetheit der Zeit, die ja so gar nichts Kugeliges an sich hat.
    Und bei allem war es doch auch irgendwie ein eigenartiges Gefühl, auf der Großleinwand immer eine Nahaufnahme von einem merkwürdig verbogenen Mann im Rollstuhl zu sehen, der abgesehen von den Augen, in denen manchmal Bewegung zu erkennen war, wie tot wirkt.
L‘Origine del Universo
Samstag, 13. Mai 2006