Anfang Mai
 
Ah ja, Freitag Abend, so viel also zu meinen guten Vorsätzen, aber immerhin nur eine knappe Woche seit dem letzten Eintrag. Das Erster-Mai-Wochenende hat nicht gehalten, was ich an Versprechungen zu sehen glaubte. Alles in allem eher Alltag, mit ein Bisschen Lektürestudium zu Hause, ein Bisschen sinnlosem Warten auf Behörden und ein Bisschen Gesprächen in der Uni. Ich richte mich langsam in meinen neuen Kursen ein, kenne die Dozenten und einige Kommilitonen, auch wenn alles auf der oberflächlichen Ebene bleibt. Zumindest bisher, man kann ja immer weiter hoffen.
Eine meiner Aufgaben der letzten Woche, eigentlich ganz banal, hat sich in zweierlei Hinsicht bemerkenswert entwickelt. Für die anstehende Prüfung brauche ich immer dringender das sogenannte „Libretto“, eine Art Studienbuch, das in den Studentensekretariaten zu erhalten ist. Dazu sind zwei ausführliche Bögen auszufüllen, eines davon eine eidesstattliche Versicherung über ich-weiß-nicht-was, eine Bareinzahlung in der Bank für die Versicherung zu tätigen und der Beleg mitzubringen sowie schließlich in einem Tabakladen eine „Marca da Bollo“ für 15 Euro zu kaufen, die auf einen der Bögen aufgeklebt wird und wohl so etwas ähnliches wie Studiengebühren darstellt. Anschließend also in diesem Gebäude eine Wartemarke zu ziehen, wie in jeder italienischen Institution, die eine Bisschen auf sich hält (einschließlich dem Metallwarenladen um die Ecke …). Aber nein, zuerst sind ja die merkwürdigen Öffnungszeiten zu beachten. Donnerstag Nachmittag war ich dort und stellte dann fest, dass der „orario“ wohl recht kurzfristig auf „Durchgehend bis 15 Uhr“ anstatt „Nachmittags wieder ab 15 Uhr“ geändert wurde. Aber heute morgen habe ich es geschafft, hatte Nummer 785 am Schalter drei, wo aber auch sofort meine Zahl aufleuchtete (ich las später, dass das Gerät kaputt ist und willkürliche Zahlen ausspuckt. Angeblich merkt es sich aber zumindest die Reihenfolge). Nur war dann niemand auf der anderen Seite des Plexiglases…
Nun ja, nach einigen Wirren kann ich mein Büchchen dann in einigen Tagen abholen, betet für mich :-)
Eine Begegnung der sehr lustigen Art wartete aber heute noch vor dem Eingang auf mich. Ein relativ junger, für einen Studenten aber doch deutlich zu alter Mann stand dort in gewohnter Flyer-Verteiler-Pose bereit, suchte dann aber doch ein längeres Gespräch. Es scheint sich um eine Gruppe zur Verbreitung kommunistischer Ideen zu handeln, die ich auch schon einmal getroffen, aber damals keine Zeit zum Zuhören gehabt hatte. Sie organisieren eine Art Vorlesungsreihe, und ich habe mich gleich für morgen Nachmittag anmelden lassen. Vielleicht sollte man sich sowieso mehr mit Menschen umgeben, die ein dringendes Mitteilungsbedürfnis, gleich welcher Art, mit sich herumtragen. Wie könnte man besser eine Sprache lernen? Merkwürdig ist zwar ihr Brauch, eine Telefonnummer zu verlangen, um an die Verabredung zu erinnern. Allerdings sahen sie so authentisch antikapitalistisch und auch sonst herzerweichend romantisch aus, dass ich nicht widerstehen konnte. Ich bin gespannt!
Zum Bild ist noch zu bemerken, dass der Schweinezyklus des WLAN bei uns zu Hause auf einen Tiefpunkt zusteuert, und ich also heute Abend diesen Artikel in ähnlicher wie der gezeigten Pose ins Netz schicken werde.
Inizio Maggio
Freitag, 5. Mai 2006