Spotlight: Die Freuden des italienischen Bahnverkehrs
 
Hiermit wird eine „Spotlight“-Reihe eingeführt (gleichzeitig übrigens eine Ausschreibung für ein „echt“ deutsches Wort mit ähnlicher Bedeutung, bitte möglichst schön! Der Preis richtet sich nach der Qualität), in der ich einige Aspekte des hiesigen Lebens nacheinander beleuchten werde, als Schwerpunkt, relativ losgelöst von dem chronologischem Lauf der Dinge.
Heute also: was man so erleben kann, wenn man in Italien eine Zugfahrkarte kaufen will (von der Fahrt selbst kann ich über den Regionalverkehr hinaus noch keine eigenen Erfahrungen berichten, wobei es vielleicht zur Warnung gereichen kann, dass mein Tandempartner in Erinnerung an die Deutsche Bahn in ekstatische Verzückung gerät…)
Es gibt da diese Schalter, die verdächtig danach aussehen, als könnte man dort Fahrkarten kaufen. Es gibt wie bei uns ein „eine Schlange für alle“-System, dass sich aber noch nicht ganz durchgesetzt zu haben scheint, und die älteren Damen haben alle Hände voll zu tun, Querläufer in die Schranken zu weisen. Ein weiteres Problem ist, dass circa zwei Drittel der Schalter von einem „Bancomat kaputt“ Schild geschmückt werden, und ich also einige Leute an mir vorbeiwinken musste, armer Jünger des elektronischen Geldes ich.
Eigentlich wäre das aber sowieso egal gewesen, denn mein Wunsch, einmal von Venedig nach Warschau zu fahren, wurde brüsk zurückgewiesen. Ich war so erstaunt, dass mein Gehirn sich zunächst weigerte, der durch die schlechten Lautsprecher verzerrten Aussage des Angestellten diesen Sinn zu geben. Heute weiß ich also, dass es wirklich zu viel verlangt ist, eine Fahrkarte kaufen zu wollen, ohne die Zugnummer und die Verbindung schon zu kennen. Immerhin gibt es zu diesem Zweck eine Information (natürlich nicht nebenan, sondern einmal um den ganzen Bahnhof), die irgendwie sehr informell wirkt, mit der Software der Deutschen Bahn (!) arbeitet, aber immerhin einen direkten menschlichen Kontakt ermöglicht. Nur wollen die dort natürlich mit den Preisen nichts zu tun haben. Wo es noch Spartickets gibt? Am Schalter fragen! (Ein Schauder lief über meinen Rücken). Mit ausgedruckter Verbindung (immerhin mit einem Kommentar „bitte SmartPrice“ versehen) also zurück durch die Schlange an den Schalter. Um dort resignierend festzustellen, dass die Verbindung dann doch mit Abfahrts- und Zielbahnhof gesucht und die Zugnummer keines Blickes gewürdigt wird. Im Effekt ist das Ganze vielleicht auch irgendwie eine Erziehung zur Religiosität. Dann die gute Nachricht: Ich kann Ihnen das letzte Sparticket nach Wien verkaufen. Die Schlechte: Den Rest kriegen sich heute nicht („problema di rete“, Netzprobleme),  versuchen sie es in acht Tagen noch mal. Dies übrigens, nachdem Stand heute die Sparpreise für den Abschnitt ab Wien schon längst ausverkauft sind, während laut der netten Dame in der Information noch nicht einmal der Fahrplan feststehen sollte…
Ich habe es dann doch gleich nach dem Wochenende wieder versucht, bekam aber zunächst die Auskunft, dieses Ticket sei hier gar nicht zu verkaufen. Während ich noch zögerte, entdeckte der gute Mann wohl eine bisher nie gesehene Option in seinem Programm (aber vielleicht ist es ja auf deutsch und entschuldigt so seine Schwierigkeiten) und sagte erstaunt „ah, doch“. Aber Sparpreise? Nein, definitiv nicht. Ich versuchte es noch einmal mit dem Zögern, aber ohne Erfolg.
Nachdem die Sparpreise nach dem ganzen Getue jetzt ohnehin ausverkauft sind, werde ich es dann noch einmal hier am Schalter versuchen. Ob allerdings das, was der eine Mann konnte, die anderen dann auch hinbekommen? Das weiß nur der Papst…
PS: Zum Bild mag sich in diesem Kontext jeder seine eigenen Gedanken machen, es handelt sich schließlich um Kunst!
Trenitalia
Freitag, 5. Mai 2006