Ja, meine treuen Leser, ich bin angekommen in Padova, schon vor jetzt ziemlich genau drei Wochen. Betrüblicherweise (naja, nicht nur) fand ich bisher keine Zeit zum Schreiben, und auch mein Zugang zum Internet war dergestalt, dass ich nicht sicher war, ob der Aufwand überhaupt lohnen würde - was nutzt ein Blog bei mir auf dem Computer? Aber diese Schwierigkeit hat sich gelöst, und eine komische Erkältung verschafft mir etwas beschauliche Zeit zu Hause. Aber ich möchte doch versuchen, ungefähr chronologisch zu erzählen. Stelle dich darauf ein, dass es länger werden könnte...
Angekommen bin ich ja in aller Frühe, nachdem ich eine Fahrt voller unruhigem Schlaf im direkten Nachtzug von München hinter mich gebracht hatte. So stand ich also um sieben Uhr auf dem Bahnhofsplatz in Padova und wusste zunächst nicht so recht, was ich tun sollte. Ich hatte geplant, mir von der Touristeninformation einen Stadtplan und erste Informationen über öffentlichen Verkehr und so weiter zu holen, aber die würde natürlich erst um halb zehn aufmachen. Nachdem meine erste Anlaufstation, der SASSA/ESU (ich habe keine Ahnung was diese Abkürzungen bedeuten)-Accomodation Service „schon“ um neun ihre Türen öffnen würde, wollte ich so lange nicht warten.
So kam ich also zu meiner Unschlüssigkeit. Nachdem aber ohnehin durch die verschlafene Fahrt mein In-Italien-Sein noch nicht richtig in mein Bewusstsein gefunden hatte, war ich ganz zufrieden, wohl eine gute halbe Stunde eine ziemlich seltsame Figur abzugeben, indem ich mit meinem großen Gepäck vor dem Bahnhof stand, und den strömenden Menschen und Autobussen zusah. Erstere widerlegten durch ihre frühmorgendliche, hektische Betriebsamkeit übrigens gleich das erste innereuropäische Vorurteil...
Ansonsten bot sich mir ein Bild von vorurteilskonformen, extraschicken und mit Handys und Sonnenbrillen (dem Wetter noch nicht wirklich angemessen) ausgestatteten Geschäftsleuten, sowie den armen, geschundenen Wesen, die wohl überall auf der Welt früh auftsehen müssen: Schülern. Diese verwunderten mich mehr, waren sie im Schnitt doch recht moderat gekleidet, einige sogar richtig kläglich. Es mag wohl an dem doch spürbar geringen Wohlstand hier liegen, dass sich auch in Italien nicht jeder in Designerklamotten werfen kann...
Das sinnlose Herumstehen musste natürlich irgendwann ein Ende haben, also raffte ich mich auf, gleich mein Italienisch zu erproben und einen Busfahrer, der etwas weniger gestresst wirkte, nach der richtigen Linie zu fragen, denn die ausgehängten Pläne sind vermutlich nicht einmal Einheimischen eine Hilfe - abgesehen davon, dass der Werbung von Seiten der Busgesellschaft ein deutlich größerer Stellenwert beigemessen wird...
Jedenfalls wurde mir freundlich geholfen, auch wenn spürbar sowohl der Busfahrer selbst als auch ein zu Hilfe gerufener Kollege nicht ganz sicher waren. Dabei hatte ich nicht nur die Adresse zu bieten, sondern in weiser Voraussicht auch einen Stadtplan-Ausdruck der näheren Umgebung.
Munter rollte ich dann los zur Haltestelle meiner Linie, meine beiden Trollies hinter mir her zerrend. Zum Glück hatte ich Gelegenheit, zu beobachten, wie hier in Busse eingestiegen wird, bevor es bei mir selbst ernst wurde. So wusste ich, dass der Bus nur ungefähr dort hält, wo die Haltestelle ist, weil er sonst kaum Platz findet, und auch nur so kurz wie möglich. Also sprang auch ich an Bord, so schnell ich konnte, und war schon eine Sekunde später unterwegs. So kam ich dann auch zu meinem ersten Schwarzfahren in Padova, denn in den Bussen kann meine keine Tickets kaufen, und ich hielt es für klüger, einfach nichts zu sagen, als dem Busfahrer und mir ein moralisches Dilemma zu bescheren. Mit dieser Regelung schien auch er einverstanden zu sein, denn ich bin sicher, er wusste bescheid.
Schon nach zwei Haltestellen war mir klar, dass ich meinen Halt niemals alleine finden könnte, und wandte mich also trotz einem komischen Gefühl wegen der fehlenden Fahrkarte um Hilfe an den Fahrer.
Ich bitte an dieser Stelle um Verzeihung für meine Langatmigkeit, ich verspreche, dass es nicht so bleiben wird. Aber ich bemerke gerade beim Schreiben, dass diese Eindrücke eben doch sehr intensiv waren. Es hat schon dort dieses gleichzeitig spannende und ein wenig bedrohliche Gefühl begonnen, eine völlig neue Sozialisation zu durchlaufen. Ich konnte mit meinem mitgebrachten so-genannten „Weltwissen“ ungefähr so viel anfangen wie mit der deutschen Sprache. Gleichzeitig war ich zu meiner Orientierung völlig auf die Hilfe der Anderen angewiesen, was sich auch komisch anfühlt. Irgendwie gehört die autonome Handlungsfähigkeit eben doch zum Selbstbild und auch zum Selbstwertempfinden eines (zumindest annähernd) erwachsenen Menschen. Wobei ich in einem erweiterten Sinn, durch die Hilfe der Anderen, ja doch handlungsfähig war. Naja, vielleicht bleibt das Gefühl trotzdem nachvollziehbar.
In ähnlich abenteuerlicher Weise ging es weiter, bis ich endlich meine erste Bekanntschaft mit der italienischen Bürokratie machen konnte. Menschlich gestaltete sie sich sehr angenehm. Allerdings lässt der Umfang der zu bearbeitenden Formulare jeden, der in Deutschland schon jammert, reumütig Abbitte leisten...
Mit einer tollen Magnetkarte (und einer im Tabakladen erstandenen Fahrkarte) ging es dann aber doch weiter zum Wohnheim. Ich kann es mir nicht verkneifen, doch noch anzumerken, dass ich schon Jahre nicht mehr so geschwitzt habe wie auf den langen Fußwegen mit meinen zwei Koffern.
Der erste, äußerliche Eindruck von dem Wohnheim war durchaus angenehm. Etwas abgelegen zwar, aber dafür ruhig gelegen und die Empfangshalle war ziemlich sauber. Allerdings begannen beim Anblick des Pförtners, der von einem sehr gemütlich eingerichteten Kabuff aus darüber wachte, dass nur die hier wohnenden ein und aus gingen, schon meine Sorgen über das gemeinsame Wohnen mit Nicole, die ich aber für den Moment zur Seite schob.
Zunächst begleitete mich der Pförtner zum „Direttore“ bei dem ich noch einmal Papiere ausfüllte und dafür den Schlüssel zum Zimmer erhielt. Der Pförtner half mir netterweise noch, den leichteren meiner zwei Koffer die zwei Stockwerke nach oben zu transportieren, und suchte mit mir gemeinsam meine Zimmertüre.
Ich möchte diese Stelle dafür nutzen, einen kleinen, kapitelartigen Einschnitt vorzunehmen. Entgegen meiner eigentlichen Absicht, wird es nicht möglich sein, die Zeit bis heute in einem einzigen Eintrag abzuhandeln. Es müsste dabei entweder zu viel auf der Strecke bleiben, oder es quält Leser und Autor. Ich frage mich, wie viele überhaupt mit mir bis hierher gegangen sind (schreib doch einfach kurz, wenn Du es geschafft hast, es interessiert mich wirklich :-)
Ich werde mich jetzt zuerst gesundschlafen und dann morgen weiterschreiben. Zu lesen gibt es das (hoffentlich) alles dann aber erst am Donnerstag, wenn ich im Internet bin. In diesem Sinne also für mich: „a domani“, für dich: „a dopo“...
PS: Das Bild verlangt vielleicht eine kurze Erklärung. Ich bin hier ja leider immer noch ohne Digitalkamera unterwegs. Aber dieses wunderschöne Kunstwerk drückt für mich die Stimmung dieser Tage gut aus, und irgendetwas zum Anschauen muss es ja geben :-)