Bevor ich in die Geschichte eintauche ein paar Worte zum heute: Ich musste zu Hause bleiben, habe ganz schlecht geschlafen, mich ständig hin und her gewälzt und meinem Empfinden nach kein Auge zugetan. Fieber habe ich nicht, aber ich bin doch alles andere als fit. Wobei ich dann den Tag doch besser verbracht habe als befürchtet, und der Abend sieht mich in einem richtigen Hoch an Aktivität. Ich hoffe nur, dass es sich nicht die ganze Nacht durchzieht...
Aber zurück zum ersten Dienstag in Padova. Da stand ich also vor der Zimmertür, drehte erwartungsvoll den Schlüssel um und ging hinein. Auf den ersten Blick sah es ganz gemütlich aus, doch dann bemerkte ich, dass meine Schuhe am Boden klebten, und auch der ganze Rest des Zimmers bis zur Schmerzgrenze verdreckt, heruntergewirtschaftet und verekelt war. Und ich vernahm ein Plätschern aus dem kleinen Nasszellenbereich. Da lief doch tatsächlich der Wasserhahn, und ließ sich auch mit intensiven Bemühungen nicht abstellen. Warmes Wasser...
Irgendwie schaffte ich es, bei der folgenden kurzen Begehung des Zimmers keine Verzweiflung, sondern Tatendrang zu empfinden. Ich legte zuerst die obersten Schichten meiner Kleidung ab, um den Schweiß trocknen zu lassen, und machte mich mit meinem guten PONS daran, die Namen aller kaputten Dinge nachzuschlagen. Dazu kamen noch einige nützliche Begriffe wie „Schimmel“. Außerdem hatte ich vor, bei der Gelegenheit die ersten Überlebenstipps vom Pförtner anzufordern, angefangen mit der Frage, ob das Wasser aus der Leitung wohl trinkbar ist bis zur Müllentsorgung. Sehr weit kam ich damit dann leider nicht, denn schon die ersten Punkte auf meiner nach Priorität geordneten Liste arteten ziemlich aus und erschöpften die Hilfsbereitschaft des gemütlichen Mannes.
Immerhin wechselte ich nach einer recht erfolgreichen Unterredung dann also Glühbirnen aus, bümpelte den Abfluss meines Waschbeckens, und das Problem des laufenden Wasserhahns wurde zur Kenntnis genommen, nachdem der Pförtner erfolglos selbst versucht hatte, ihn zu schließen. Bezüglich des extremen Drecks, aber auch zum Thema Schimmel wurde mir mit einer gewissen Ironie (und vielleicht etwas Verachtung für den verweichlichten Ausländer?) beschieden, das sei einfach so...
Mit meinen Problemen nur halb befriedigt machte ich dann immerhin noch die Bekanntschaft eines Österreichers. Im Gespräch mit ihm konnte ich mein schon recht strapaziertes Gehirn ein wenig entspannen, und wandte mich auch wieder dem Problem des gemeinsamen Wohnens mit Nicole in diesem Wohnheim zu. Seine Auskünfte waren wahrscheinlich nicht sehr nützlich, auf jeden Fall hatte er selbst noch keine Erfahrungen damit gemacht, aber er konnte mir bestätigen, dass die Überwachung des Eingangs lückenlos war. Der Nachtwächter kenne allerdings nicht alle Gesichter - man könnte sich also tags als Besucher anmelden, dann „auschecken“ und nach elf Uhr noch einmal hereinkommen. Sehr angenehme Aussichten...
Viel angenehmer war für mich in diesem Dilemma die Erwartung, bald Nicole abzuholen und die anstehenden Entscheidungen nicht alleine fällen, die Aktionen nicht allein durchführen zu müssen. Der Vormittag war auch schon verbraucht, und nachdem ich den Rest meines mitgebrachten Proviants verzehrt und mich ein wenig ausgeruht hatte, machte ich mich auf den Weg zurück zum Bahnhof. Zehn, Fünfzehn, Zwanzig Minuten stand ich an der Bushaltestelle - hätte ich das Warten nicht mit einer großen Menschenmenge geteilt, hätte ich vermutlich Zweifel an der Existenz dieser Haltestelle bekommen. Aber nach einem weiteren Höllenritt im endlich doch angekommenen Autobus (wirklich jedesmal eine Grenzerfahrung) kam ich gerade ungefähr rechtzeitig zum Bahnhof. Nur kam Nicole nicht.
Mit zunächst leichter, dann aber doch wachsender Beunruhigung suchte ich zuerst alle Orte ab, an denen Nicole warten könnte, wenn sie früher angekommen wäre. Dann suchte ich mir aus den Tafeln die Züge aus Richtung Venedig, und eilte zwischen den Gleisen hin und her, denn der Takt dieser Verbindung scheint ungefähr fünf Minuten zu betragen. Mehr als einmal wünschte ich mir, wir könnten normale Menschen mit zwei Handys sein... :-)
Aber irgendwann hatte ich Glück, und stand sogar genau vor der Türe, aus der Nicole mir mit großem Rucksack und noch größerem, rotem Koffer entgegenlachte bzw. -wankte. Einige köstliche Minuten folgten, in denen die ganze Anspannung sich löste, und die Sorgen der Zukunft ihre Chance noch nicht erkannt hatten, wieder von meinen Gedanken Besitz zu ergreifen.
Wir nahmen uns ein wenig Zeit, uns von unseren Erlebnissen zu erzählen, ich nahm mich Nicoles übrigem Vesper an und berichtet dann von den Problemen, die sich uns stellten. Wir kauften uns gleich einen „Portobello“, die lokale Kleinanzeigenzeitung, für die Wohnungssuche, und erkundigten uns in der jetzt geöffneten Touristeninformation nach kurzfristigen günstigen Übernachtungsmöglichkeiten, allerdings mit geringem Erfolg. Also entschieden wir uns, zuerst auch Nicoles Gepäck ins Wohnheim zu bringen, wobei ich jetzt schon wie ein Einheimischer den richtigen Bus und Weg zeigen konnte.
Wieder ist es Zeit für eine Pause im Schreiben, ich hoffe sehr auf eine erholsame Nacht, und freue mich auf morgen. Wenn mir nicht ein gesundheitlicher Rückschlag widerfährt, müsste ich einige von euch morgen ans Telefon bekommen!